Neue Forschungsergebnisse zu den gesellschaftlichen Auswirkungen von Large Language Modellen: Wenn KI Nachrichten für Online-Dating verfasst

In Edmond Rostands Theaterstück von 1897 diktiert Cyrano de Bergerac dem gutaussehenden, aber wortkargen Christian seine eloquenten Liebesbriefe. Christian gibt sie als seine eigenen aus. Die Frau, die beide umwerben, verliebt sich in Worte, die der eine geschrieben und der andere überbracht hat. Mehr als ein Jahrhundert später kehrt dieselbe Konstellation ins Online-Dating zurück. Der Dichter ist heute ein Algorithmus.

Eine neue Studie von Prof. Lennart Ante in der Fachzeitschrift Telematics and Informatics untersucht, was passiert, wenn Menschen LLMs wie ChatGPT oder Claude nutzen, um ihre Dating-Nachrichten zu schreiben oder zu optimieren. Für die Praxis gibt es bereits einen Namen: „Chatfishing“. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass 26 Prozent der Singles in den USA KI für ihr Liebesleben einsetzen, ein Anstieg von über 300 Prozent innerhalb eines Jahres. Sechs von zehn Dating-App-Nutzern glauben, schon eine von KI verfasste Nachricht gelesen zu haben.

Die Studie beruht auf Interviews mit 45 Dating-App-Nutzern. 23 von ihnen setzten KI für ihre eigenen Nachrichten ein. 22 hatten solche Nachrichten empfangen. Ihre Schilderungen offenbaren drei Muster.

1. Wer KI nutzt, fühlt sich authentischer, nicht unehrlicher

Das war die Überraschung. Die meisten KI-Nutzer wiesen das „Etikett des Betrügers“ von sich. Sie beschrieben die KI als Weg, mehr wie ihr wahres Ich zu klingen. Eine Befragte, nach eigener Aussage „im echten Leben super, beim Texten katastrophal“, erzählte, ihr Kopf setze vor dem leeren Textfeld aus. Die KI funktioniere als Übersetzer für Gedanken, die sie ohnehin habe. Eine Nicht-Muttersprachlerin nutzte sie, um nach ihrer Persönlichkeit beurteilt zu werden und nicht nach ihrer Ausdrucksweise.

Die Studie nennt das prothetische Authentizität. Diese Nutzer sehen die KI als korrigierende Linse, die ihr wahres Selbst scharf stellt, statt als Maske, die es verbirgt. Eine zweite Gruppe formulierte es nüchterner. Für sie ist die frühe Dating-Phase ein Zahlenspiel, und KI schlicht ein effizienter Weg zum eigentlichen Gespräch, das beim Date selbst beginnt.

2. Wer KI-Nachrichten empfängt, fühlt sich betrogen

Von der anderen Seite sieht die Erfahrung völlig anders aus. Die Empfänger benutzten Wörter wie „betrogen“, „getäuscht“ und „verarscht“. Der Schmerz hatte einen klaren Ursprung. Die Täuschung betraf den Akt der Kommunikation selbst. Ein Mann erklärte, er habe sich in die Art verliebt, wie eine Frau sich ausdrückte, und erfuhr dann, dass dieser Ausdruck einem Skript entstammte.

Die Empfänger wurden außerdem zu Hobby-Detektiven. Sie lernten, die Anzeichen zu erkennen: zu glatte Antworten, generische Komplimente, unnatürlich schnelle Reaktionen. Manche testeten ihr Gegenüber, indem sie absichtlich Tippfehler oder Slang einstreuten, um zu sehen, ob die andere Person darauf einging. Eine Befragte nannte das Ergebnis erschöpfend, als müsse man forensischer Linguist sein, um überhaupt ein Gespräch zu führen. Der Preis ist ein schleichender Zynismus, der es schwerer macht, irgendjemandem zu vertrauen, auch Menschen, die einfach gut schreiben.

3. Das Schwierigste ist das persönliche Treffen

Das dritte Muster zeigt sich, wenn der Chat offline geht. KI-Nutzer berichteten von echter Angst vor dem ersten Date. Sie hatten eine geistreiche, selbstbewusste Persona aufgebaut und mussten sie nun ohne den Algorithmus verkörpern. Eine Person verglich es mit dem Lernen für eine Prüfung über eine erfundene Version seiner selbst. Der Status, der das Date gewonnen hatte, legte oft eine Messlatte fest, die die Person im Raum nicht erreichen konnte. Die Verbindung zerbrach am Missverhältnis.

Was das bedeutet

Prof. Ante nennt diesen gesamten Verlauf den Cyrano-Effekt. Er beschreibt, wie KI den Verfasser einer Nachricht von der Person trennt, die sie sendet, und was diese Trennung mit dem Vertrauen auf beiden Seiten macht.

Für Dating-Plattformen lautet die Frage nicht mehr, ob Menschen KI nutzen, denn das tun sie bereits. Die schwierigere Frage betrifft die Offenlegung, und wie man Menschen mit echter sozialer Angst oder Sprachbarrieren unterstützt, ohne Täuschung zu belohnen.

Für alle anderen legt die Studie eine neue Form der digitalen Kompetenz nahe. Eloquenz ist heute billig zu haben. Die unordentliche, konkrete, leicht unbeholfene Nachricht ist womöglich die ehrlichere. Und die alte Frage aus Rostands Stück bleibt bestehen: Wenn wir uns in die Worte verlieben, in wen oder was verlieben wir uns dann wirklich?


Ante, L. (2026). The Cyrano effect: LLM-assisted impression management and authenticity in online dating. Telematics and Informatics, 108, 102422. Open access. https://doi.org/10.1016/j.tele.2026.102422